Die Diagnose von ADHS

Die einzelnen Diagnosemethoden im Überblick

Anamnese

In einem ausführlichen Gespräch erfragt der Arzt oder Psychologe zunächst die Geschichte der Familie und des Betroffenen, beginnend mit Schwangerschaft und Geburt über die motorische und sprachliche Entwicklung im frühen Kindesalter bis hin zu Freunden und Hobbys. Gesprochen wird dabei auch über seine Stärken und Schwächen sowie sein Gefühlsleben. Manchmal ergibt sich dabei, dass schon Eltern oder Großeltern der betroffenen Kinder oder Erwachsenen ähnliche Symptome gezeigt haben. Grundlage für das Gespräch mit Kindern ist meist ein Fragebogen wie der Mannheimer Elternfragebogen (MEF) oder die Child Behavior Check List (CBCL). Die Antworten auf diese Fragen sollen auch Hinweise darauf geben, ob eventuell organische, insbesondere neurologische Erkrankungen in der Familie vorliegen, die ADHS ausgelöst haben könnten.

Verhaltensbeobachtung

Während der Arzt mit dem Kind spricht, beobachtet er zugleich sein Verhalten: Wie verhält es sich in der Situation? Nimmt es beim Sprechen Blickkontakt auf? Ist es motorisch unruhig? Und wie gehen Eltern und Kind miteinander um? Dieses Verhalten kann ebenfalls wichtige Hinweise auf eine mögliche Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung geben. Auch Videoaufnahmen von Situationen in der Schule oder Familie wie Mittagessen oder Hausaufgaben können sehr hilfreich sein.

Fragebögen zur Beurteilung des Verhaltens

Eine wesentliche Rolle für die Diagnose bei Kindern und Erwachsenen spielt, wie Eltern, Angehörige und Bezugspersonen wie Lehrer und Erzieher sowie die Betroffenen selbst ihr Verhalten beurteilen. Dafür werden standardisierte Fragebögen verwendet, die außerhalb der Praxis bearbeitet werden sollen und ADHS-Symptome sowie andere Verhaltensauffälligkeiten erfragen.  

Bei Kindern geben die Antworten beispielsweise Auskunft darüber, ob die Erwartungen der Eltern und Pädagogen an das Kind realistisch oder eventuell zu hoch sind und welchen Einfluss der Medienkonsum auf das Verhalten des Kindes haben könnte.

Bei Schülern werden auch Lernentwicklungsberichte und Schulzeugnisse mit einbezogen. In den Beurteilungen finden sich häufig über Jahre hinweg Hinweise auf eine mögliche AD(H)S.

Bei Erwachsenen ist vor allem interessant, wie sie selbst und ihre Angehörigen anhand der speziell auf sie zugeschnittenen Fragebögen ihr Verhalten beurteilen.

Vorbefunde

Zum Erstgespräch sollten Betroffene bzw. die Eltern unbedingt auch etwaige Vorbefunde mitbringen: Ergebnisse psychologischer Tests, Berichte von Ergotherapeuten, Logopäden oder Einrichtungen der Frühförderung. Auch sie liefern wichtige Anhaltspunkte für die Diagnose. Bei Erwachsenen können auch alte Zeugnisse und Einschätzungen aus der Schulzeit helfen, den Beginn der Störung einzuschätzen.

Körperlich-neurologische Untersuchungen

In manchen Fällen ist eine gestörte Aufmerksamkeit durch körperliche Erkrankungen bedingt. Aus diesem Grund ist auch eine ausführliche körperlich-neurologische Untersuchung der Patienten unabdingbar. Hierzu gehören sowohl Seh-, Hör- und Labortests als auch Untersuchungen der Schilddrüse und ein Elektroenzephalogramm (EEG). Letzteres kann beispielsweise Auskunft über mögliche hirnorganische Erkrankungen wie Tumore oder Epilepsie geben. Ein Urintest kann einen Medikamenten- oder Drogenmissbrauch ausschließen. Darüber hinaus untersucht der Arzt die Koordination des Patienten, seine Grob- und Feinmotorik sowie die Blickfolge.

Psychologische Testung

Eine weitere Diagnosemethode stellen die psychologischen Tests dar. Dazu gehören sowohl Intelligenz- und Konzentrationstests als auch Tests zum Hörverständnis sowie spezielle Leistungstests, die beispielsweise Auskunft über eine mögliche Lese-/Rechtschreib- oder Rechenschwäche geben können. Aussagekräftig hinsichtlich der Denk- und Verhaltensweise der Kinder und ihres seelischen Zustandes sind auch die Beobachtungen des Arztes im Testverlauf.

Psychologische Test können die klinische Diagnose allerdings nicht ersetzen, sondern nur ergänzen, zumal bei diesen Verfahren auch das Risiko der Fehlinterpretation besteht. So werden Kinder mit auffälligen Werten in diesen Verfahren zwar häufig auch per Fragebogen oder Interview als auffällig eingeschätzt. Umgekehrt werden aber viele Kinder per Test fälschlicherweise als unauffällig eingeschätzt, die in der Schule oder Familie als auffällig beurteilt werden.